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Legenden von Storvatan
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Ein Kyalker-Einsatz

 
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Racshasa
Herzenjäger
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BeitragVerfasst am: 07.05.2008, 15:01    Titel: Ein Kyalker-Einsatz Antworten mit Zitat

Esterkyal, unterirdisch:


Vielstimmiges Raunen hallte von den dunklen Wänden der weitläufigen Münzhallen wieder, hier und da begleitet von jenem metallischen Klingeln, das ihnen ihren Namen gab. Die neunköpfige Gruppe dunkler Schemen, die sich in weiten, verhüllenden Mänteln durch das Gedränge von feilschenden und tuschelnden Menschen aller Herkunft und Gestalt schob, fiel niemandem auf. Zielstrebig steuerten sie auf einen provisorischen Stand zu, an dem ein verschlagen grinsender Zeitgenosse gerade einige geschwungene Dolche über die poröse Tischplatte in die Hände eines bärenhaft gewachsenen Mannes schob.
"Tatsächlich, er verhökert u n s e r e Waffen", zischte der Verhüllte zu Tazzogs Rechten, "Das ist kaum zu fassen."
"Still", knurrte Tazzog, der Größte der Neun. Hinter seinem Rücken gab er den Nachfolgenden das Handzeichen für 'das ist unser Mann'. Der erste Sprecher, ein feingliedriger Renok mit kleinen schwarzen Tieraugen und borstigem Haarwuchs an Wangen und Kinn, liess seine schmale Zunge zwischen den Lippen hervor blecken. "Bereit, Hauptmann."
Tazzog war ein Hühne mit dicken, knotigen Armen und dunkelbrauner Haut, der sich in und unter den Straßen Esterkyals zuhause fühlte. Als beachtlicher Kämpfer, der er war, hatte er kaum etwas zu befürchten und genoss die stillschweigende Befugnis, gelegentlich Finger und Jochbeine zu brechen, die ihm nicht passten. Tazzog war ein Hauptmann der gefürchteten Kyalker, der Bluthunde des Giftfürsten. Freilich brachte dieses Leben auch Nebenwirkungen mit sich, sodass er niemals Zeit hatte, sich um die Gründung einer Familie oder das Pflegen von Freundschaften zu kümmern. Das alles wäre ohnehin schon schwer genug gewesen, mit seinem bulligen, mürrischen Gesicht und den spitzen, schiefen Eckzähnen, die aus seinem Unterkiefer zwischen den wulstigen Lippen hindurch ragten. Ganz zu schweigen von seinem Temperament. Manchmal hätte der gefährliche Tazzog sich aber einen Freund gewünscht, der ihm den Rücken deckte. Der Grund dafür war ein Defekt seines Körpers, wie er glaubte der Preis für seine immense Stärke - Tazzogs Seelenträne, ein grau gemasertes, diamantenhartes und doch empfindliches Gebilde, ragte zur Hälfte aus seiner linken Schulter. Für keinen Sold der Welt hatte er sich eine Rüstungsfassung kaufen können, die seine Angst milderte, an dieser tödlichen Stelle einen unerwarteten Streich oder Schuss abzubekommen.
"Bereit, Hauptmann", wiederholte der Renok ungeduldig. Die Verhüllten hatten sich unauffällig um den Schwarzmarktstand gesammelt und wurden gerade von den argwöhnischen Blicken des Verkäufers durchbohrt. Auch sein riesenhafter Handelspartner, der auf den zweiten Blick ein Artut wie Tazzog war, schien unruhig. Es war höchste Zeit.
"Zugriff!", donnerte Tazzog. Neun Mäntel wallten zurück und entblössten erschreckende Brünnen mit dem Zeichen des Giftlords und waffenstarrende Gürtel. Auch wenn die Konsequenzen dieser Offenbarung in sekundenbruchteilhafter Schnelle folgten, liefen sie für Tazzog gemächlich und absehbar ab. Der Erfolg seiner Kyalker war mitunter in ihrer Fähigkeit begründet, scheinbar aus dem Nichts an jeder beliebigen Stelle in Esterkyal aufzutauchen. Seine Arme hatten sich von hinten um den Brustkorb des anderen Artuten geschlossen, die Gliedmaßen des Riesen an seinen wuchtigen Körper pressend, noch ehe dieser sich umdrehen konnte. Zwei seiner Nebenmänner hatten ihre Kurzklingen aus den Gürteln gerissen und unter erschrockenen, kehligen Schreien der auseinander preschenden Menge an den Hals des Käufers gelegt, während ein Dritter zum betäubenden Schlag mit dem Knauf seines Kampfhammers ausholte. Währenddessen hatte sich der eigentliche Mann am anderen Tischende instinktiv fallen lassen und so dem Griff seiner Bewacher entwunden. Unter deren überraschten Flüchen tauchte er hinter dem Nachbartisch auf und bahnte sich armerudernd seinen Weg durch das kakophonisch tosende Menschenknäuel. Tazzog entließ den Bewusstlosen aus seinem Schraubstockgriff und somit einfach auf den Steinboden sacken - Mist, wieder zu langsam! Alles muss man selber machen.
"Du", herrschte er den Hammerträger an und zog ihn an der Schulter heran, damit der ihn im umgebenden Stimmgewirr verstehen würde, "übernimmst hier mit zwei Mann!" Er drückte den Mann grob zur Seite und trat achtlos über den am Boden Ausgestreckten, sein Kommando-Gebell fortsetzend.
"Anansi mit mir, der Rest zum Westende! Schneller!"
Tazzog bewegte sich leichter als sein Ziel durch die wogende Menschenmasse und verlor den Hehler keine Sekunde aus den Augen. Vor ihm hatte sich eine Gasse durch verzerrte Gesichter und gezückte Waffen gebildet, die von ihren Leibwächtern schützend vor die namhafteren und mächtigeren Hehler gehalten wurden. Nur einmal musste der Kyalkerhauptmann schnaufend über einen Holztisch setzen, der ihm von links in den Weg geschoben wurde. Schreie, hastige Schritte und das Klirren von leergefegten Tischen erfüllten die Szenerie von allen Seiten und machten das Wunschchaos eines jeden Schwarzmarktdiebes perfekt.
Bald schon hatte Tazzog den geschäftigeren Bereich der Münzhallen hinter sich gelassen und stürzte in einen schmalen Seitengang, der zu einem selten benutzten Treppenaufgang führte. Hinter sich wurde er Anansis Schritte gewahr und blickte sich zu dem Renok um, der im Laufen seine Armbrust vom Gürtel losgeknotet hatte und an seinem Köcher herumhantierte. Etliche Bolzen blieben klappernd auf den Steinfliesen zurück, bis er endlich einen zu fassen bekam und einspannte.
"Er ist auf der Treppe", kehlte Tazzog und war alsbald am Fuße selbiger angelangt, "Schiess!"
Das Projektil zerbarst an der Steinstufe unter dem Fliehenden, der gerade rechtzeitig nach oben gesetzt war. Er warf den Verfolgern seinen klappernden Leinenbeutel in den Weg und Tazzogs Wange wurde schmerzlich von einem mit scharfkantigen Diamanten verzierten Trinkbecher gestreift, der herausgefallen und von der Treppe abgeprallt war. Wutschäumend riss er im Laufen sein Krummschwert aus der Scheide, das er mit seiner Beförderung erhalten hatte. Die ins Heft der Waffe eingearbeiteten Gifttränen blitzten grünlich auf und erzeugten einen Zischlaut wie von Säure, die auf Eisen geträufelt wird, der Tazzog jedes mal einen Schauder der Zufriedenheit die Wirbelsäule hinabsandte. Sie hatten die Treppe genommen und schnauften im plötzlichen Sonnenlicht blinzelnd über einen matschigen Platz, der von abweisenden Stein- und Holzbauten eingerahmt war. In der Ferne, zwischen einzeln aufsteigenden Rauchsäulen erkannte man die Spitze des Derbnisturmes, der das Zentrum Esterkyals bildet. Das Ziel der Kyalker rannte und schlug Haken wie ein Hase, duckte sich unter dem niedrigen Vordach eines Holzstandes hindurch und schwang sich mithilfe der Rechten um eine windschiefen Palisade. Tazzog keuchte bereits schwer, doch dachte nicht ans Anhalten. Anansi hatte einige Schritt Vorsprung und spannte just einen neuen Bolzen ein, als der Verfolgte hinter einem leerstehenden, löcherigen Holzverschlag sichtbar wurde und sich in eine gestikulierende, ärmlich gekleidete Menschengruppe stürzte. An der Westseite des Platzes erkannte Tazzog gerade rechtzeitig den Rest seiner Mannschaft und brüllte bebend "Er steht da bei den Tagelöhnern! Schiesst, erschiesst ihn um jeden Preis!" und schwang seine Waffe durch die Luft. Die Kosten für diesen Fang waren dem Hauptmann egal, denn der Giftfürst schätzte jene Art von Loyalität, die bedingungslos über Leichen ging.
Jemand löste sich panisch aus der Gruppe um den Flüchtenden, die das Kommando gehört hatte und nun in helle Aufruhr versetzt war. Scheinbar hatte der Gejagte sich an zwei der dürren Männer geklammert, um den Geschossen der Kyalker nicht ungeschützt ausgeliefert zu sein, während die anderen Gestalten versuchten, ihn von ihren Begleitern loszureissen. Binnen Augenblicken waren die Bolzen am Ende des Platzes eingelegt, zwei der Kyalker hatten sich hingekniet, um besser zielen zu können. Auf ein vielstimmiges Klicken folgte eine erbarmungslose Salve und fegte zwei Männer zu Boden, doch verfehlte das eigentliche Ziel. Unter Schmerzens- und Wutgeheul der Umstehenden löste sich Tazzogs Beute aus dem Knäuel und fegte auf eine schmutzige Gasse zu. Anansi der Renok hatte sich an dessen Fersen geheftet und lief mit einer rudernden Geste ein gehöriges Stück vor seinem Hauptmann, der die krummen Zähne zusammengebissen hatte, um nicht vor den Augen seiner Untergebenen und etlicher Schaulustiger, die sich in Torbögen, glaslose Fenster und hinter Verschläge drückten, japsend zusammenzubrechen.
Die Umgebung verschwamm am Rande seines Sichtfeldes zu bunten Flecken und sein Herz pochte vor Anstrengung. Das Ziel hatte Tazzog schon lang verloren, er folgte lediglich Anansis hagerer Gestalt. Metallverstärkungen an seiner Brünne schnitten beim ausholenden Rennen in seine ledrige Haut, und Schweiß, der durch die dichten schwarzen Brauen sickerte, brannte in seinen Augen. Die Waffe wog schwerer in seiner Hand, als er in Erinnerung hatte. Als dumpfes Echo seiner über den braunen Grund klatschenden Schritte vernahm er Anansis plötzlichen Wutschrei vor sich: "Dreck! Das Schwein läuft in die Winden!"
Zu diesem Zeitpunkt hätte er stehenbleiben können. Bestimmt war das Hehlergut in den Münzhallen von seinen Männern gesichert worden und die Lage dort hatte sich beruhigt. Auftrag erledigt. Aber Hauptmann Tazzog war nicht befördert worden, weil er jeden Auftrag erledigt hatte - zeit seines Einsatzes unter dem Banner des Turmes hatte er mehr Exempel unter den Bewohnern Esterkyals statuiert, als nötig waren. Er verkörperte das Ideal des Kyalkers, unterwürfig aber gnadenlos, anspruchslos und tollkühn. Ruhm unter den Seinen bedeutete ihm alles. Und so lief er weiter, bis er Anansi eingeholt hatte, der keuchend stehen geblieben war.
Die zusammengekniffenen Knopfaugen seines Stellvertreters tasteten Tazzogs schwitzende Gestalt hilfesuchend ab. "Er ist weg."
Um sie erstreckte sich ein teilweise mehrstöckiges Labyrinth aus schmutzigen Häuserwänden, deren zahlreiche Fenster- und Türöffnungen ihnen wie dumm glotzende Mäuler entgegen starrten. Hier und da hing eine Wäscheleine gespannt, gebogen von ein paar ärmlichen Lumpen. Vor einem Eingang stand eine Holzschale, die den Geruch von Urin verströmte. Unsichtbar jaulte ein Hund und verstummte abrupt. Von Leben war hier keine weitere Spur. Die Winden waren jeher das berüchtigste Viertel Esterkyals, stetig im Wandel, täglich wechselnde Einwohner. Sie waren die verfluchte Zone dieser erbarmungslosen Stadt und kein Gesetz herrschte hier, ausser das Gesetz des Stärkeren, Schnelleren oder Klügeren. Und selbst ein Kyalker konnte sich nie sicher sein, den Rückweg aus den Winden nicht plötzlich von rasch herbeigeschobenen Karren oder einem brennenden Lumpenberg versperrt zu sehen. Den Abergläubischen schien es gar so, als änderten die schmalen Gassen hier von selbst ihre Richtungen und Winkel, doch derartiges Gewäsch tat Tazzog für gewöhnlich lachend ab. Nun aber fehlte dem Hauptmann die Kraft, um zu antworten. Er konnte nicht sagen, wie oft sie abgebogen oder durch einen verwitterten Torbogen geschlüpft waren. Als sein Blick sich auf die witternde Nase und die unruhig in ihren Höhlen hin und her schnellenden Augäpfel des Renoks richtete, wurde sich der Hauptmann erst darüber klar, was Anansis Worte bedeuteten.
"Hauptmann."
Sie hatten ihr Ziel verloren.
"Hauptmann, warum ist hier keiner - niemand zu sehen?"
Sie standen vielleicht im Zentrum der Winden.
"Dreckiger Dreck!" Anansi stampfte auf. "Als wären alle von diesen verdammten Fenstern verschluckt worden!"
Ein schneller Rückzug war undenkbar.
Und auf ihrer Brust trugen sie stolz und drohend das Zeichen der Kyalker.
"Hauptmann! Tazzog!" Der Renok lud seine Armbrust und schwenkte sie energisch von Ost nach West. Nichts als leere Fenster. Kein Geräusch, ausser dem Pfeifen des steten Windhauches, der die durchlöcherten Steinfassaden durchpfiff.
Der Schweiß auf Tazzogs Haut fühlte sich kalt an. Immernoch konnte er seinem Gefolgsmann nichts entgegnen. Aufsteigende Panik lähmte ihn. Er war drei mal in den Winden gewesen, aber die Richtung, die sie einschlagen mussten um schnellstmöglich in Richtung "sicheres" Esterkyal zu verschwinden, mochte ihm nicht einfallen. Anansis immer hektischere Kopfbewegungen belegten einwandfrei, dass sie sich verlaufen hatten.
Für gewöhnlich pflegten die Derbnismagier, die einzig noch mehr Schrecken unter Esterkyals Bevölkerung verbreiteten als die Kyalker selbst, in solchen Fällen einzugreifen und ganze Stadtteile ins Chaos zu stürzen. Indes, er und sein Kamerad bildeten just ein gutes Beispiel für Versagen und Undiszipliniertheit, indem sie sich schutzlos in diese Lage gebracht hatten. Sie hatten ihr Ziel verloren - Mitleid oder Hilfe von den Magiern? Wohl kaum, dachte Tazzog. Zwei Leben waren nichts, selbst zwei gute Soldatenleben. Er spürte seine Souveränität und Selbstsicherheit eisig seinen Rücken herunterlaufen, bis sie dort ankam, wo er sich jetzt, bildlich gesehen, befand.
"Stell dich hinter meinen Rücken" waren die ersten Worte, die er nach endlosen Augenblicken herausbrachte. Dann nahm er sein Krummschwert in beide Hände.
Kein Warnruf drang von den Häuserwänden herab, kein Signalton. Erst in einem, dann drei, fünf und schliesslich beinah allen Fenstern zeigte sich ein grimmiges Gesicht. Hier und da blitzte Metall oder ein Goldzahn. Als der Hauptmann dann ein ihm wohlbekanntes Geräusch vernahm, wusste er, dass er und Anansi die Winden nicht mehr verlassen würden.
Er hatte keine letzten Worte für seinen Kameraden, als zahllose Armbrustbolzen um sie herum klickten, als sie in ihre Halterungen gespannt wurden. Kein Gebet, das er sprechen konnte. Und keine Familie, an die er in diesen letzten Augenblicken denken konnte. Übrig blieb blanke, unwürdige Angst, die seine Hose feucht werden und seine Augen tränen ließ, als Esterkyal, die Stadt, die er in seiner Arroganz das Fürchten lehren wollte, seinen Körper und seine Identität verschluckte wie ein Insekt.


Racsh
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